Colosseum

Wir haben lieben Besuch und machen nun Ernst mit der tiefergehenden Erkundung unserer Wahlheimat – mit Kindern eine echte Herausforderung. Der Fahrt in die Metropole mit Bus, Stadtbahn und Metro mit all den kleinen Erlebnissen am Rande löst eine Menge Fragen aus. Und dann geht’s erst richtig los: Warum heißt es Colosseum? Auf diese Frage und viele andere bekommt man eine kompetente Antwort, wenn man sich einem engagierten Guide anvertraut. (Colosseum wird es im Volksmund genannt, die alten Römer benutzten jedoch den richtigen Namen Amphitheatrum Flavium…..)

Wir sind zusammen mit unseren Enkeln und Tochter sowie zwei anderen Familien unterwegs mit Annett, der Deutschen Römerin (www.deutsche-roemerin.com). Wir haben ihre Führung durch das Colosseum und das Forum Romanum gebucht, Dauer ca. 3 Stunden.

Imposant

Annett manövriert uns vorbei an schier endlosen Warteschlagen von Besuchern direkt in das monumentale Bauwerk, berichtet aus der Geschichte, erzählt mit Beispielen und Anekdoten kurzweilig und trotzdem erstklassig informativ – die Zeit vergeht wie im Flug. Die Kinder kommen voll auf ihre Kosten, Annett nimmt all ihre Fragen ernst und bezieht die jungen Teilnehmer in ihren Vortrag ein. Sehr empfehlenswert – und wie es so schön heißt „pädagogisch besonders wertvoll“. Vielen Dank für die tolle Führung! Wir hätten sonst vor lauter Steinen das Colosseum nicht gesehen. 

Nach dieser Erfahrung werden wir auch in Zukunft Tickets buchen, die das Anstehen umgehen. Für Interessierte hier eine kleine Zusammenfassung: Das Colosseum war ausgelegt für 50.000 Besucher, Bauzeit 10 Jahre, einzig und allein konzipiert um die Menschen zu unterhalten. (Es gab damals kein Fernsehen, kein Internet, Handy – Fehlanzeige und ca. 180 Feiertage, das Volk gierte nach Unterhaltung.) Unter dem Holzboden der Arena war eine ausgeklügelte Technik eingebaut, mit der aufwendige „Bühnenbilder“ mit „analogen“ Aufzügen für exotische Tiere (Löwen, Tiger, Leoparden..) gestaltet werden konnten; zeitweise ist die Arena sogar komplett geflutet worden, um Seeschlachten mit echten Schiffen nachzustellen. All das funktionierte nur durch die Arbeit zahlloser Sklaven, die Umsetzung des „Drehbuchs“ war eine logistische Meisterleistung, so ganz ohne Computer…. Was heute mit dem Begriff der „Spiele“ beschrieben wird, war natürlich ein für uns heute unvorstellbar grausames und blutiges Gemetzel, damals jedoch feinstes Entertainment für alle, dem damaligen Weltbild und den Wertvorstellungen entsprechend. Das Publikum saß jeweils gemäß ihrer Standeszugehörigkeit getrennt auf einer der 5 Etagen, unten die Reichen, weiter oben das Volk auf Holzbänken (sogenannte Holzklasse!), ganz oben die Frauen, weil sie wie heute beim Auftritt der Pop-Stars so laut kreischten. Nach der Eroberung Roms während der Völkerwanderung verfiel das Colosseum wie auch ganz Rom über 1000 Jahre lang, zuletzt sind von geschätzt 1,2 Mio. Einwohnern gerade mal 25 000 übrig geblieben. Die Monumentalbauten wurden von Pflanzen überwuchert und bei der Wiederbesiedlung als Wohnquartier, Stallung und Marktplatz genutzt. Der ursprüngliche Nutzungszweck war in Vergessenheit geraten, er bot jedoch jede Menge behauener Steine, die viel leichter zu verwenden waren, als sie aus weit entfernten Steinbrüchen herbeizuschaffen. Ein weiterer Faktor, der dem Bauwerk arg an die Substanz ging, war der Umstand, dass irgendjemand vermutlich durch Zufall herausgefunden hatte, dass, wenn man Marmor verbrennt (im Ofen stark erhitzt), dieser zu Kalk zerfällt. Diese Tatsache erklärt, dass gänzliche Fehlen aller Marmorverkleidungen inklusive der üppig bunten Bemalung, übrig blieben die Unterkonstruktionen aus Ziegeln. Letztlich sehen wir heute nur noch ca. 30 % des ursprünglichen Bauwerks, aber das ist wirklich imposant.

Der anschließende Rundgang durch das Forum Romanum (Zentrum des politischen, wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen Lebens der Römer mit vielen Tempeln und Verwaltungsgebäuden, wichtigste Ausgrabungsstätte Roms) führt uns alle an unsere Grenzen, es ist kaum noch Platz im Kopf für weitere Infos. Die Kinder haben toll mitgemacht. Jetzt reicht es erst mal, am nächsten Tag sind Strand und Meer dran – hurra! 

Toben im Meer

Am Rande noch ein Hinweis für Rombesucher, die nach Alternativen zur üblichen Anreise mit Flugzeug oder PKW suchen. Unsere Tochter ist mit dem Nachtzug angereist. Nachdem die Deutsche Bahn die Liegewagen abgeschafft hat, sind diese von der österreichischen Nationalbahn übernommen worden und werden mit großem Erfolg weiter betrieben. So fährt z.B. zur Zeit täglich abends je ein Zug von München nach Venedig und Rom und täglich spät abends von Rom aus auch wieder zurück. Nach München kommt man immer, dann umsteigen in den Nachtzug mit je nach Buchung Sitz-, Liege- oder Schlafwagen. Morgens ist man dann ausgeschlafen in Rom Zentrum, ein kleines Frühstück wird auch noch serviert. Einzelheiten unter: www.nightjet.com

 

 

 

 

 

2 Comments

  1. Henrik

    Eindrucksvolle Bilder habt ihr da ins Netz gestellt. Was mich wundert, ist die völlige Abwesenheit von Graffitti oder Absperrgittern. Die zweitausendjährigen Relikte wären bei uns sicher schon vollgesprüht und aus bauaufsichtlichen Gründen weiträumig umzäunt: „Vorsicht vor herabfallenden Marmortafeln. Betreten verboten.“ Schön, dass es auch anders funktioniert.

    1. sy-columbia

      Lieber Henrik, schon in Portugal haben wir mal kurz über die dortige Fliesenkunst (Azulejos) berichtet. Straßenunterführungen und Haltestellen, sogar ganze Häuser sind gefliest. Nichts war besprüht, beschädigt oder mit krankhaften Ultraaufklebern versehen. Es gab so viele Sehenswürdigkeiten, aber dieser Respekt vor dem Eigentum anderer war in unseren Augen die eigentliche Sehenswürdigkeit und Sensation. Auch in Valenzia und nun hier in Rom. Neben dem Colosseum stehen im Stadtbild eine Vielzahl unbeschmutzter Siegessäulen und Triumpfbögen. In Ostia Antica steht eine ganze ehemalige römische Hafenstadt mit Bauten, Tempeln und Wohnhäusern zur Besichtigung bereit, ein riesiges Gebiet mit Kunstgegenständen und Villen mit Bodenmosaiken. Nichts ist beschädigt oder verschmiert. Für uns steht fest, dass die „Vandalendichte“ in Deutschland erschreckend hoch ist im Vergleich zu anderen Ländern.

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