1500 Tage

Anfang August sind wir beim Stöbern im Blog der SY Eira (www.sy-eira.org) auf die Überschrift 1500 Tage gestoßen und wurden stutzig. Kurz überschlagen und dann genauer nachgerechnet, ja stimmt, Ende August auch bei uns: wir sind seit 1500 Tagen unterwegs, Zeit für ein kleines Resümee. Die 1500 Tage haben uns gezeigt, was wir bis dahin nur vermutet haben, dass es tatsächlich ein Leben nach der Arbeitswelt gibt, das so ganz anders und wunderschön ist. Seglerisch haben wir ungemein dazugelernt. Wir haben den NOK und die Staande Mastroute in NL bereist, haben uns auf den Ärmelkanal gewagt und zum ersten Mal erfahren, was denn Strömungen und Tidenhub (in Dieppe 8m) ganz praktisch bedeuten.

Mit den Tiden hatten wir keinerlei Vorerfahrung, denn die Ostsee ist tidenfrei. Wir haben die äußere Biscaya überquert und zum ersten Mal unsere körperlichen Grenzen gefühlt, die Fahrt dauerte 3 Nächte und 4 Tage bei anspruchsvollen Bedingungen, d.h. reichlich Wind, deutlich mehr als vorhergesagt und ruppiger See. Es gelang uns nicht in den Wachrhythmus zu wechseln, d.h. einer schläft, der andere hält Wache. Irgendwie kamen wir nicht in den Schlafmodus, unter Deck bewegte sich alles, das Schiff rollte und stampfte, dazu die Geräuschkulisse, das Rigg heulte, Wellen knallten an die Bordwand und wenn man sich in seiner Schlafposition mit Kissen und Decken verkeilt hatte, war man nach spätestens 3 Stunden schon wieder mit der Wache dran. Wir waren beide daher bei der Ankunft übermüdet und überreizt von den Eindrücken, aber auch stolz es geschafft zu haben. Der Atlantik hat uns mit mächtigen Wellen – ein berühmter deutscher Segler bezeichnete mal eindrucksvoll diese haushohen Wellen als flüssigen Himalaya – und totaler Einsamkeit stark beeindruckt. Besonders aufmerksam waren wir an Portugals Küsten unterwegs, „heavy waves warnings“ haben uns plötzlich mehr als alles andere interessiert. Wir überwinterten in Cascais/Lissabon und ab Ende Februar in Lagos/Portugal.

Hier erlebten wir, was es heißt Mitglied einer internationalen Seglercommunity zu sein. Nach einem Stopp in Gibraltar, damals zum Glück noch ohne Orca-Begleitung, haben wir unseren ersten heißen Sommer an der spanischen Küste durchschweißt, um dann die Winterpause in Valencia zu verbringen. Die Stadt hat uns intensiv in ihren Bann gezogen, ein toller Ort zum Leben. Hier haben wir unsere schwedischen Freunde Ewa und Anders mit ihrer Yacht Unisax (www.fellnert.se) kennen und schätzen gelernt. Zusammen verließen wir Valencia und segeln seitdem als Mini-Flottille, zuerst entlang der spanischen und französischen Küste nach Korsika und Sardinien.

Dann rüber ans Festland nach Italien, um im nächsten Winter Lido di Ostia bei Rom zu unserer Wahlheimat zu machen. Von Rom ging’s nach der ersten Corona-Zwangspause über die schönsten Italienischen Inselwelten nach Sizilien. Die Hotspots der Urlaubsträume wie Capri, Pompeji, Amalfi …haben wir fast ohne Touristen erleben dürfen!! Ein Ort war schöner als der andere und oft genug haben wir gesagt: „Das glaub‘ ich jetzt nicht, kneif mich mal“ und fühlten uns privilegiert.

Im letzten Winter haben wir in Licata auf Sizilien pausiert, wieder mit Corona-Lockdown. Die neuen Reiseplanungen für die aktuelle Saison haben wir mehrfach über den Haufen geworfen. Nun sind wir wieder auf dem Weg nach Rom. Wir haben schlicht Sehnsucht nach unseren Lieben daheim und können sie hier aus leicht ab und zu besuchen und in Rom selbst haben wir längst noch nicht alles gesehen. In der Liste der Überwinterungsorte sticht Licata heraus, da wir dort nach Lagos tiefer in eine aktive internationale Fahrtenseglercommunity eintauchen konnten, denn im Hafen lagen Yachten aus aller Herren Länder.

Nicht nur bei sportlichen Events – es gab allerlei Lauf- und Wandergruppen, Volleyball am Strand, Yoga- und Gymnastikgruppen – und Grillevents; aber auch sonst bildeten sich Gruppen Gleichgesinnter um z.B. technische Probleme zu lösen oder um die Ausstattung zu verbessern. Eine deutsch-amerikanische Crew nahm alle Segler des Hafens, wenn diese denn wollten – in eine Liste auf und pflegte diese sehr akribisch. So war jeder mit Email-Adresse und Handynummer erreichbar. Benachrichtigungen, Anfragen pp liefen per Gruppenmail, SMS oder in den Chatgruppen. Jeder war jederzeit informiert. Für Anhänger der traditionellen Informationsbeschaffung hingen dazu noch Listen pp am „schwarzen Brett“ in der Dusche. Bei der winterlichen Überprüfung der Ausrüstung wechselte im Hafen geschätzt ein halber Ausrüstungskatalog den Besitzer, denn weil Neuanschaffung, nicht mehr gebraucht oder Fehlkauf wurde vieles, getauscht, verkauft oder verschenkt. Das endete meist mit einer Einladung und einem kleinen Umtrunk, wir empfanden dies als herrliche Zeit. Gefühlt jeder zweite Skipper bittet um Hilfe beim Kampf mit dem Außenborder, die nach langen Standzeiten einfach nicht anspringen wollen. Die Zeiten, wo so ein Außenborder nur so ein einfaches Moped war, sind vorbei. Relativ einfach aufgebaute und robuste 2 Taktmotoren dürfen in der EU wegen bedenklicher Abgaswerte nicht mehr verkauft werden und sterben daher aus. Die neuen 4 Taktmotoren sind sehr empfindlich und legen mit Benzineinspritzung und Blackbox zur Motorsteuerung leicht ein divenhaftes Benehmen an den Tag, sind schnell beleidigt und verweigern dann die Arbeitsaufnahme. Eine andere Interessengruppe bildete sich um gemeinsam die Bordbatterien des Schiffes auf Lithiumbatterien umzustellen. An diesem Thema sind sowohl der Skipper, als auch Anders von der Unisax sehr interessiert. Hier ein kleiner Fachexkurs vom Skipper: Lithiumbatterien sind deutlich leichter als konventionelle Batterien, es gibt praktisch keine Tiefentladung und man kann den Batterien nahezu 100% ihrer Leistung – ohne ihnen zu schaden- entnehmen, während die Stromentnahme bei den konventionellen Batterien bei nur ca. 30% liegt, zudem ist die Zahl der Ladezyklen deutlich höher. Das bedeutet, dass man bei gleicher Kapazität 3 mal mehr Strom zur Verfügung hat. Das ist eine nicht zu unterschätzende Reserve, wenn die Solarpaneele z. B. wegen Wolken die Batterien nicht komplett aufladen können. Die Verbraucher wie Kühlschrank und Kühlbox brauchen aber trotzdem Energie und laufen im Sommer eigentlich durch. Die Lithiumbatterien verhalten sich wie ein Handy-Akku, man kann sie zwischendurch auch nur teilweise laden und sie haben keinen Memoryeffekt. Vorteile ohne Ende, der Nachteil jedoch ist der (noch) hohe Preis. Das technische Knowhow und den theoretischen Hintergrund muss man sich aber selbst aneignen und anlesen. Die erforderlichen Werkzeuge um dicke Kabel anzupassen und zu verpressen, waren vorhanden. Nach dem Motto „Hilfst du mir, helf ich dir!“ war die zu leistende Arbeit überschaubar und dazu konnte man noch auf einen attraktiven Preis auf Grund des Mengenrabatts hoffen. Letztlich scheiterte das Projekt an der Covid-Problematik, da wir Teilnehmer uns nicht mehr einfach so auf den Booten besuchen durften, wirklich schade. Unerwartetes Highlight für die Seglercommunity ist die Impfaktion gegen Covid geworden. Alle Segler, die wollten konnten sich im Krankenhaus von Licata impfen lassen, dies gelang nur durch die unkonventionelle Unterstützung von einheimischen ÄrztInnen. Wir haben in Licata viele nette Menschen kennengelernt und uns mit einigen angefreundet. Einsam oder langweilig war es uns daher im Winter überhaupt nicht. Angenehmer Nebeneffekt, die „Stegsprache“ ist englisch, der tägliche Umgang hat unsere Sprachkenntnisse extrem verbessert, wir ertappen uns beide dabei ab und zu englisch miteinander zu sprechen. Finanziell ist der Lebensunterhalt an Bord unschlagbar günstig, (es sei denn man geht jeden Tag ins Restaurant) Strom und Wasser erzeugen wir im Sommer selbst, im Winter haben wir einen Pauschal-Überwinterungsvertrag (umgerechnet zwischen pro Tag 7€ in Licata, Strom u. Wasser extra und 13 € in Lido di Ostia all in, Müllabfuhr, Sanitäranlagen mit heißen Duschen und Security. Dazu gehört zu jedem Liegeplatz ein Parkplatz auf dem umzäunten Marinagelände. Ein meist schwaches WLAN ist im Service enthalten. In der Hochsaison sind die Liegeplatzgebühren der Häfen im Mittelmeer entsprechend hochpreisig, 80 – 100 € pro Tag sind bei einem Schiff unserer Größe normal. Ein erheblicher Kostenfaktor, der nicht zu unterschätzen ist, wird durch die Instandhaltungskosten des Schiffes verursacht. Schließlich gibt es durch die Dauernutzung des Schiffes auch häufiger etwas zu reparieren. 

Das Leben unterwegs an Bord hat für uns zwei „Jahreszeiten“: Im „Sommer“ bereisen wir unter Segeln die Küsten und ankern in Buchten, mit täglichem Blick auf’s Wetter bei der Planung der Etappen. Gelegentlich legen wir Stopps in Häfen ein, um Proviant zu kaufen, Besichtigungen zu machen oder schlechtes Wetter mit zu viel Wind und Wellen abzuwarten. Man ist immer in Bewegung, auf dem Sprung, totale Sicherheit am Ankerplatz gibt es nicht. Der Körper gleicht ständig die Schiffsbewegungen aus, längere Etappen mit Seegang und Wind schlauchen entsprechend, wir brauchen Ruhephasen um runterzufahren. Unerwartete Ereignisse wie Maschine streikt, Segel verklemmt, Anker slippt, die angestrebte Bucht ist völlig ungeeignet, Schwell lässt Boot und Crew die ganze Nacht rollen, Windvorhersage stimmt nicht, umplanen etc…fordern Energie. Wir haben nicht erwartet, dass wir im Ganzjahresrevier Mittelmeer im Winter pausieren müssen und wollen, der Erlebnisspeicher ist einfach voll und wir müssen resetten. Im „Winter“ wird Columbia zum gemütlichen Wohndomizil, fest vertäut im Hafen, an kalten Tagen läuft die Dieselheizung oder der Elektrolüfter, wir kochen elektrisch, mit den Fahrrädern sind wir in der Umgebung unterwegs, finden unser Lieblingscafe, freunden uns mit dem lokalen Gemüsehändler an und genießen die lokale Küche.

Wir tauchen ein in die Besonderheiten der Region und versuchen uns in der Landessprache zu verständigen. Wir lernen die Menschen und ihre Eigenheiten kennen und respektieren; lesen die Lokalnachrichten und schauen, ob im Event-Kalender etwas für uns dabei ist. Meist benutzen wir die öffentlichen Verkehrsmittel, Routen und Fahrpläne kann man grob im Internet recherchieren, doch die Feinheiten findet man nur durch Ausprobieren und durch Hinweise der einheimischen Fahrgäste heraus, was oft zu interessanten und lustigen Episoden führt. Ab und zu mieten wir ein Auto und machen Ausflüge in die Umgebung. All dies machen wir nach Lust und Laune. Den durchstrukturierten Terminkalender des Berufsalltags haben wir längst hinter uns gelassen und Armbanduhren sind in irgendeinem Schapp verschwunden. 1500 Tage unterwegs, wir genießen jeden Tag unsere Segelzeit aufs Neue und haben jeden Morgen meist schon beim Wachwerden ein Grinsen im Gesicht.

4 Comments

  1. Sinja

    Wahnsinn – wie die Zeit vergeht! Mit gemischten Gefühlen haben wir Euch vor 1500 Tagen auf die schon lange geplante „Weltreise“ verabschiedet. Viele haben uns angesprochen, wie ihr einfach so lossegeln könnt – nur noch nen Briefkasten in der Heimat – fern von der Familie. Die Alternative als „Rentner“ den Vorgarten harken?Ich kann nur sagen, ihr habt wirklich alles richtig gemacht. Meine gemischten Gefühle haben sich in Luft aufgelöst. Der Abstecher ins Mittelmeer war genau richtig – denn somit seid quasi immer ums Eck. Ohne Eure Reise hättet ihr nicht die vielen netten Leute und Länder /Städte kennengelernt und hättet Anders u Ewa nicht an eurer Seite. Also heißt es für uns seit 1500 Tagen: mitfiebern u miterleben. Wer hätte gedacht, dass Ihr mal „Blogger“ werdet. Danke für das umfangreiche Tagebuch. Ich wünsche Euch weiterhin eine schöne Reise. Wir bleiben in der Heimat, harken zwar nicht den Vorgarten und freuen uns schon riesig, Euch mal wieder sehen zu können. In diesem Sinne immer ne handbreit Wasser unterm Kiel und nicht viel schnacken – Kopp inˋ Nacken! Bis bald!

    1. sy-columbia

      Unser Plan segelnd auf Reisen zu gehen hatte damals ganz schön viel von „blind date“. Doch wie du ganz richtig angemerkt hast, fängt alles mit loslassen an. Ein dickes Danke geht an euch liebe Familie, dass ihr uns habt gehen lassen und unser Vorhaben unterstützt habt und gut heißt. Wir bereuen nichts und sind froh in einer machbaren Reisedistanz zu euch zu sein. Wir freuen uns wie Bolle, euch nach einem langen Jahr ganz bald in die Arme schließen zu können. Jetzt sind es ja nur noch ca. 1500 km – ein Klacks! (Da läuft bei uns doch glatt ein Tränchen oder zwei…)

  2. Hallo Ihr Lieben,
    was für eine tolle Zusammenfassung Eurer so außergewöhnlichen Reise durch die südlichen Länder Europas auf dem Wasserweg. Mit viel Mut, Leidenschaft, Improvisationstalent, ein gewisses Maß an Leidensfähigkeit, technisches Verständnis, Liebe zum Reisen und nicht zuletzt mit der Liebe zueinander, habt Ihr etwas geschafft, das Euch in der Tat privilegiert. Und das mit Recht, denn das kann nicht jeder!!
    Wir wünschen Euch weiterhin alles Liebe und Gute, Gesundheit und immer eine Handbreit Wasser unter den Kielen. (oder Kiel?)

    Herzliche Grüße von Bornholm

    Britta und Franz

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