Von Rom an die Riviera

Leinen los – mit gemischten Gefühlen blicken wir zurück nach Lido di Ostia. So richtig warm geworden sind wir mit der Badewanne Roms nicht. In der Marina fühlten wir uns gut aufgehoben (nächtens patrouillierte bewaffnete Security im 2 Stundenrythmus über die Stege) und sicher. Doch sobald wir das Gelände verlassen haben, tauchten wir ein in eine unpersönliche, anonyme Vorstadt von Rom, die erkennbar für die ärmeren Schichten gebaut worden ist. Keiner der vielen Gemüsehändler (meist afrikanischer Abstammung) hat uns je beim wiederholten Einkauf erkannt. Das Angebot der Supermärkte war umfangreich, doch wie die halt so sind – ziemlich unpersönlich. Wir sind an der Brottheke und der Salumeria- (Wurstwaren) gut bedient worden, der eine oder andere Mitarbeiter hat sich gefreut, mal endlich ein paar Englischkenntnisse anwenden zu können. Andere Kunden haben uns mit freundlichen Worten und Gesten auf die stets vorhandene Diebstahlsgefahr hingewiesen, „bitte tragen sie ihren Rucksack vor der Brust!!“

Adio Lido di Ostia – adio Roma

Im Bus waren wir Exoten, ein ordentlicher Römer würde wohl nie in diese Gefährte einsteigen, die sind wohl nur für „Unterschicht“ und wären in Deutschland wegen gravierender Mängel längst stillgelegt worden. Nach einem Regenschauer stand das Wasser in Pfützen auf den Hartschalensitzen. Lido die Ostia ist leider ein von der römischen Verwaltung weit entfernter Bezirk – nur Afrika ist noch weiter weg. Die Stadt könnte Potenzial haben, doch der Schlendrian grassiert,  Müll und Hundesch.. überall. Jeder zweite Promenadengänger hält sich so einen oder zwei kleine Scheißer. Man muss beim Einkaufen ständig nach unten gucken, um nicht hinein oder auf eine der vielen Fußhupen drauf zu treten. Die meisten Menschen, die in den Siedlungen in der Nachbarschaft der Marina wohnen, leben von der Hand in den Mund, die Presse berichtet von Drogenproblemen und Mafiaverbrechen. Nachts haben wir unseren sicheren Hafen nie verlassen, der jede Nacht akribisch abgeschlossen wurde. Aber wir wohnten ja in der ersten Reihe immer mit Blick aufs Meer, die tägliche Einkaufstour geht auf der Promenade am blauen glitzernden Meer entlang, das ist schon ein Privileg. Bereits einen Kilometer entfernt Richtung Stadtzentrum ist das Bild anders, große Strandbäder versuchen sich in Mondänität. Die Straßen sind großzügig angelegt, wenn auch beidseitig und entlang des Mittelstreifens vollgeparkt – der Italiener fährt wirklich jeden Meter mit dem Auto. Die Wohnblocks haben keine bröckelnden Fassaden mehr, hier und da gibt es sogar Mülltonnen, auch einen Besenwagen haben wir gesichtet! Der größte Vorteil für uns war jedoch die leichte Erreichbarkeit Roms – mit der Stadtbahn in 40 Minuten für schlappe 1,50 Euro pro Person z.B. zum Petersplatz, das haben wir reichlich ausgenutzt und viele tolle Eindrücke gewonnen. Rom ist schon eine ganz besondere Stadt mit dichter Atmosphäre und Lebensart. Das haben wir sehr genossen. Auch die weitere Umgebung sowie der Flughafen sind mit Bus, Bahn oder Leihauto leicht zu erreichen und im Winter sowieso ohne die Besuchermassen. Wir werden uns immer an diese beiden Winter (der erste 2020 mit Lockdown) in Lido die Ostia und Rom erinnern. Es waren spannende Monate. Da wo Licht ist, gibt es eben auch Schatten.

Zum Abschied noch ein Bier „vom Fass“

Mit guten Wünschen haben uns einige Stegnachbarn verabschiedet, allesamt sympathische Menschen. Zu intensiveren Kontakten ist es jedoch nicht gekommen. Nun also auf in den Norden.

Civitaveccia – hier parken die Kreuzfahrtschiffe ein – 5000 Passagiere (je Schiff) machen sich auf den Weg um Rom zu besichtigen.

Civitaveccia ist unserer erstes Etappenziel, wir müssen motoren – kaum Wind, der Hafen im Stadtzentrum mit Resten der frühen römischen Seefahrer ist noch im Winterschlaf. Die südlich gelegene Marina Riva die Traiano ist nicht erwähnenswert – modern und teuer.  Der nächste Schlag mobilisiert endlich wieder die Seebeine, Vollzeug – hoch am Wind gleitet Columbia übers glatte Wasser, das ist der Start der Segelzeit!

Wir machen im wunderschönen Port Ercole fest, da Starkwind angekündigt ist, bleiben wir und berauschen uns an der üppig grünen Natur, mit Blütenduft und Vogelgezwitscher, wie haben wir das vermisst.

Nach einem Zwischenstopp am Rande des Naturparks Maremma landen wir auf Elba, eine Nacht vor Anker, dann festgemacht in Porto Azzurro, der macht seinem Namen alle Ehre und ist fast leer.

Porto Azzurro auf Elba

Zusammen mit Ewa und Anders erkunden wir die halbe Insel mit einem Mietauto. Was für ein Unterschied zu Süditalien, wer nur Elba besucht, lernt Italien eigentlich nicht kennen. Wir sind sehr angetan.

Schöne Segelstunden mit Delfinsichtung bringen uns an Festland zurück.

Dass der einsetzende Regen dringend benötigt wird, ist klar, aber Porto di Pisa ist im Regen einfach grau.

Netzfischer am Ufer des Arno- neben dem Porto die Pisa

So schaukeln wir am nächsten Tag im Nieselregen auf blöder alter Welle nach Viareggio. Das hat auch unserem Radarreflektor nicht gefallen, dessen Befestigung bricht am Achterstag, vermutlich gar gekocht durch zu viel UV-Licht, er verabschiedet sich aus dem Masttopp und zerspringt mit lautem Getöse an Deck in tausend Teile. grrrrrh Bei unbeständigem Wetter ist das Seebad Viareggio ein guter Zwischenstopp.

Pisa ist mit dem Bus schnell erreicht und wir tauchen ein in die Geschichte, der schiefe Turm steht klotzig auf der Wiese, ein wirklich lohnender Ausflug.

Das mittelalterliche Lucca steht am nächsten Tag auf dem Programm.

Bei schönstem Sonnenschein stromern wir durch die Gassen und lassen uns in einer kleinen Osteria Pane e Sale abseits des Rummels mit einer perfekten Antipasti-Verkostung a la Chef verwöhnen.

Was für ein Lokal, ein echter Glücksgriff!!!! Das moderne Ambiente hat uns an Spanien mit seinen Tapas erinnert. Der sehr engagierte Koch ist in einer bestechenden Tagesform und will zeigen, was er kann. Nacheinander werden die unterschiedlichsten Vorspeisen, allesamt kleine Köstlichkeiten (von der Mini-Käse-Wurstplatte über gegrillte Gemüse bis zu kleinen edlen Pastagerichten nach seiner Auswahl serviert, bis man nicht mehr kann und abwinkt. Völlegefühl ist bekanntlich besser auszuhalten als Hunger, aber irgendwann geht dann wirklich nichts mehr, dazu 2 Bier, ein Weißwein und zum Abschluss zwei Cappuccino für 50 Euro, da kann man nicht meckern. Hut ab, so lecker haben wir schon lange nicht mehr gegessen. Die vielen Leckereien sind täglich verschieden, je nachdem was der morgendliche Markt so hergibt  – mal Fisch mal Fleisch oder Gemüse, ein leckeres Abenteuer, für uns gerade richtig. Das Lokal haben wir jedenfalls auf „Wiedervorlage“ gelegt.

Weiter geht’s zur nächsten Perle an Liguriens Küste. Der Segler kämpft ständig mit den drei Windarten, zu viel, zu wenig oder aus der falschen Richtung. Bei -in diesem Fall- zu wenig Wind motoren wir nach La Spezia.

Portofino

Rapallo und Portofina lassen wir aus, bei 200 € Liegeplatzgebühr pro Tag gehören wir nicht zur erwünschten Besuchergruppe – bunte Häuschen an spektakulärer Küste hält ja auch unser Zielgebiet vor. Die Cinque Terre, Sehnsuchtsort vieler Italienfans, von La Spezia aus mit der Bimmelbahn leicht zu erreichen. Ewa und Anders gönnen sich eine Tour auf einem der legendären Wanderwege. Als sie uns abends von steilen Wegen und zahllosen Treppen begeistert berichten, sind wir froh, diese Herausforderung ausgelassen zu haben. Stattdessen haben wir La Spezia durchstreift, die schöne Innenstadt mit prachtvollen Bauten, grünen Parks und Palmenalleen weckt Erinnerungen an Valencia.

Haben wir schon erwähnt, wie sauber und gepflegt Italiens Norden ist? Mit mehr Segelstunden bei ziemlich schwachem Wind peilen wir zunächst Genua an.

eins der fünf Dörfer der Cinque Terre

Doch die Alternative bei gutem Wind ordentlich Strecke Richtung Frankreich zu machen lockt. So setzen wir quer über den Golf von Genua rüber bei akzeptablen Bedingungen, ideal ist es ja selten, – der Wind ist schlapp, auf kleiner rolliger Welle humpeln wir nach Savona. Die Hafenstadt verdient eigentlich einen längeren Aufenthalt – holen wir irgendwann mal nach.

Besonders beeindruckend ist die Zufahrt zur Vecchio Darsena, der Marina mitten in der Stadt, man muss eine Fußgängerbrücke passieren, die nur auf Anfrage geöffnet wird, dabei passiert man das Kreuzfahrtterminal – grauslich. Wir wollen den Kreuzfahrtenthusiasten nicht zu nahe treten, aber für uns sieht das aus wie Käfighaltung für Menschen, eine schwimmende Containersiedlung, die zu bewohnen auch noch viel Geld kostet.

Die Lage in der Innenstadt beschert uns auch die erste Nacht mit Disco-Beschallung – hat es seit Coronazeit nicht mehr gegeben. Ab jetzt gleiten wir an der Riviera entlang – schön anzuschauen mit unzähligen Badeorten, grünen Hügeln und blauem Meer.

Die Einheimischen beherrschen noch das Freizeitgeschehen, am Wochenende wird gesegelt, man trifft sich zum Aperitivo und schlendert auf netten Märkten. Italien zeigt sich von seiner charmanten Seite, das gefällt uns sehr! Der nächste Segelschlag Richtung Nizza führt vorbei an Imperia, vor drei Jahren unser erster Hafen in Italien, hier legten wir in Richtung Korsika ab, nun kreuzen sich unsere Kiellinien und unser Kreis im Mittelmeer ist geschlossen. Was für eine tolle Zeit!

2 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.