Vom Tiber an die Elbe – Teil 2

Nach ein paar wundervollen Tagen mit der Familie machen wir einen Abstecher nach Hamburg. Dort haben wir einen Wartungstermin für unsere Viking-Rettungsinsel bekommen. In ganz Italien gibt es lediglich Verkaufsstellen für eine solche Insel – aber eine periodische Wartung? – die Deutschen, die können aber auch Fragen stellen, naja zumindest hatten wir in Italien damit einen Lacherfolg. Eine solche „Insel“ ist im Fall eines Untergangs die letzte Zuflucht auf See, bis man hoffentlich bald danach gerettet wird. Für einen Postversand ist sie zu schwer, gilt als Speditionsgut und ein Transport ist dementsprechend teuer. Mit dem WoMo liefern wir daher kostengünstig selbst an.

Unser Modell wird in einem Seenotfall über Bord geworfen, nachdem man die Reißleine zuvor an seinem Schiff angebunden hat. Durch einen kräftigen Zug an derselben entfaltet sich die Insel. Erst, wenn einen das eigene Schiff verlässt, also untergeht und nicht früher, steigt man um und kappt die Leine, denn ein Aufenthalt in so einer Insel ist absolut kein Spaß. Sollte man die Reißleine nicht kappen können, ist das kein Problem. Das untergehende Schiff würde die Insel in einem solchen Fall nicht mitziehen, denn die Reissleine besitzt genau dafür eine Sollbruchstelle. Unsere Insel sichert das Überleben von 4 Personen für mind. 24 Stunden, d.h. sie enthält Nahrung und Trinkwasser, Medikamente gegen Seekrankheit, Seenotraketen sowie Angelzeug …  Wir hoffen dass sie nie zum Einsatz kommt, wenn aber doch, dann sollte sie auch funktionieren. In der Wartungsstation in Hamburg wird die Insel ausgelöst, Pressluftflaschen blasen sie auf und sie muss 24 Stunden lang die Luft ohne Druckabfall halten. Nach einer Kontrolle aller Verbindungen und Nähte und des Auslösemechanismus werden die Pressluftflaschen und alle Batterien erneuert, sowie Lebensmittel, Seenotmittel und Wasserpäckchen… getauscht und die Insel wieder verpackt. Die Überprüfung gilt für 3 Jahre. Wir können die Insel am nächsten Tag mit einem „frischen TÜV Stempel“ wieder abholen. Inzwischen haben wir uns auf einem Campingplatz direkt an der Elbe hinterm Deich eingerichtet.

Wir genießen den norddeutschen Herbst mit ersten Nebelbänken und mit seinen sich wie im „Indian Summer“ verfärbenden Blättern an den Bäumen. Auf uns wirken die Farben sehr intensiv, hatten wir doch im letzten Jahr überwiegend nur Palmen und alle Arten von Pinien, sowie monsterhaft große Lebensbäume gesehen und an denen verfärbt sich nichts. Wir radeln am Deich entlang und nehmen einen Blick auf den Schiffsverkehr und die kleinen Tidehäfen für die Sportschifffahrt.

Später besucht uns der Bruder des Skippers und seiner Frau die quasi um die Ecke in Hamburg wohnen. Schließlich fahren wir noch nach Lübeck, um auch seine Schwester mit Ehemann wiederzusehen und wieder mal wurde es tierisch interessant. Unser Schwager in Lübeck wird nächstes Jahr pensioniert und damit ihm dann nicht langweilig wird, hat er sich ein kleines Bastelobjekt zugelegt, einen original US Ford PickUp Baujahr 1949. Schwager Frank ist ein begnadeter Schrauber vor dem Herrn, der in seiner komplett eingerichteten Werkstatt schon so manchen Rostklumpen wieder zum Leben erweckt und zum Laufen gebracht hat. So auch in diesem Fall, der original 4 Zylinder 3,5 Ltd Motor läuft wieder rund.

Nur noch einige unwesentliche Schraubarbeiten, geschweißt und lackiert ist schon alles und auch die Armaturen mit einem „filigranen“ mechanischen Innenleben wie bei einer Uhr funktionieren wieder einwandfrei. So sollte einer amtlichen Zulassung mit einem H-Kennzeichen (H für historisch) nichts mehr im Wege stehen. Was für ein Unterschied zu einem Fahrzeug der Neuzeit. Die kleine Büchse wiegt leer 2,2 t, Blechstärken von mind. 0,8 – 1 mm bringen Gewicht, dazu ein Naturholzboden im Fahrerhaus und auf der Ladefläche, montiert auf einem massiven Leiterrahmen, der Skipper kann sich nicht sattsehen. Hier fährt man noch selbst, die Lenkung erfordert festes Zufassen, Starrachsen und Blattfedern, Trommelbremsen über Schubstangen betätigt, funktionieren nur mit einem kräftigen Tritt aufs Bremspedal. Bremsen war und ist immer auch ein Oberschenkeltraining. Der Scheibenwischer ohne Elektromotor wird pneumatisch angetrieben, hat der Skipper noch nie gesehen! Fehler beim Fahren straft die Physik sofort, denn die modernen elektronischen Helferlein wie ASR, ESP und wie sie alle heißen, waren noch nicht erfunden. Die Hupe erinnert vom Ton her an frühere Kindersendungen im Fernsehen, mit dem Ton wurde immer „Flipper“ gerufen. Also ganz piano und defensiv fahren und jedem 2. Passanten/Spaziergänger zaubert man ein Grinsen ins Gesicht. Es gibt Beifall und viele zeigen den erhobenen Daumen. Da nach der Zulassung dann nichts mehr zu tun ist, hat sich Frank schon den nächsten Patienten, ein britisches Motorrad aus dem 2. Weltkrieg, so wie es bei der britischen Armee im Einsatz war in sein „Wartezimmer“ geschoben.

Er freut sich schon das Getriebe zu zerlegen, denn das Teil hat ganz außergewöhnlich neben den normalen Gängen zusätzlich Halbgänge, damit war es für die damalige Zeit geländetauglich. Das Motorrad ist ein ziemliches Unikat, viele davon gibt es wohl nicht mehr. Bei Rückkehr zu unserer Familie steht uns dann der Sinn nach einem kleinen Ausritt mit einem moderneren Fahrzeug und werden netterweise von unserem lieben Schwiegersohn eingeladen ihn in seinem VV Käfer Baujahr 1969 zu begleiten.

Was für ein Auto, Skippers unerreichbarer Traum als pleitegeplagter junger Mann und Führerscheinneuling, Weißwandreifen, stehende Pedale, dieses einzigartige, unvergleichliche Motorengeräusch, die unverzichtbare Blumenvase am Armaturenblech, es riecht nach Öl und Benzin … dagegen sind die modernen Autos zwar perfekte Fahrmaschinen aber auch unpersönlich, ohne Charakter und Flair.

So vergeht die Besuchszeit wie im Flug und unsere Rückfahrt steht an. Bei kaltem und useligen Wetter zieht die Herbstlandschaft an uns vorbei, wir haben keine Lust auf Truckermodus und machen einen „Ankerstopp“ am Main, das urige Gasthaus „Zum goldenen Anker“ in Segnitz bietet malerischen Womo-Stellplatz in Kombination mit original fränkischer Küche in der Wirtsstube, bei Einheimischen sehr beliebt – wir haben den letzten Tisch ergattert.

Am Womo ziehen die Frachtkähne lang, wir starten die Heizung und freuen uns mal ohne Wetterbericht am Wasser zu sein. Die nächste Etappe ist kurz, wir werden von Britta und Franz erwartet, ihre Segelyacht ANKERMAL ist auch eine Reinke, Typ 13M, Segelrevier Ostsee. Über Fachsimpeln via Email und Treffen in Rom und Licata hat sich eine nette Freundschaft entwickelt und so besuchen wir sie diesmal in ihrem Zuhause in Franken. Es wird ein wunderschöner, kurzweiliger Nachmittag/Abend, während wir kulinarisch verwöhnt werden. Herzlichen Dank an euch beide! Jetzt steht die Fahrt über die Alpen an, bei herrlichstem Sonnenschein machen wir rüber und treffen schon am Nachmittag in Meran ein.

Vor etlichen Jahren sind wir schon mehrfach hier gewesen. Der Campingplatz ist mitten in der Stadt, inzwischen total renoviert, mit Sauna und Außenpool, Luxusduschkabinen. Wir spazieren unter den Lauben und an der Passer entlang, die Sonne scheint, die vielen TerrassenCafés sind gut besucht. Während die anderen Womos mit Saisonkennzeichen vermutlich nicht weiter in den Süden fahren, sind wir nach zwei Tagen on the road again. Sonntags ist LKW freies Fahren – noch ein Zwischenstopp in Umbrien. Orvieto hat einen großen Übernachtungsplatz für Womos, Rastplatzcharme – gut geeignet für eine Sightseeing Tour zur mittelalterlichen Stadt hoch. Haben wir beim letzten Mal gemacht. Im  Internet finden wir 9 km entfernt eine rustikale Alternative „Agriturismo Sosta Camper“ bei einem Weinbauern mit Trattoria, laut Anruf sind wir willkommen.

Der Abstecher in die bergige Landschaft erinnert uns an unsere Sizilienfahrt, schmale, kurvige Straße mit Steinschlaggefahr. Wir finden den Platz und erleben eine Überraschung: der Platz ist voll. Der Wirt/Bauer gibt uns einen vorübergehenden Picknicknickplatz mit dem Hinweis, dass in 2 Stunden alle Womos abfahren werden. Wir machen uns eine Kaffeepause und beobachten das Treiben auf dem Platz. Hier hat wohl am Wochenende ein Familien-/Freundestreffen stattgefunden. Nun wird die lange Tischreihe abgebaut, Schüsseln mit Geschirr werden zum Abwasch getragen, Stühle verstaut. Die Kinder toben über den Platz. Eine wie wir finden tolle Idee, sich hier in der Natur zu treffen anstatt sich in eine enge Wohnung zu quetschen. Nach und nach machen sich die Wagen mit Kennzeichen aus Rom auf den Weg. Der Platz ist leer – wir setzen unser Womo um, genießen die warme Luft und freuen uns auf das Abendessen um acht im Restaurant – ländliche, deftige Kost aus Umbrien mit selbstgemachten Pasta. Das Womo geben wir ohne Probleme zurück. Lediglich die Anfahrt zum Vermieter hat den Skipper und seine Google-Interpretin noch mal voll gefordert, das römische Straßennetz bietet halt viele Interpretationsmöglichkeiten.

Columbia und Unisax haben wir in gutem Zustand vorgefunden, jetzt allerdings total vollgeräumt – unglaublich, was wir so alles mithatten.Wir fühlen uns, als ob wir Monate weg gewesen wären, wie nach einem Zeitsprung. Nach zwei Tagen Komaschlaf auf leicht schaukelndem Bett und Sonne beim Aufwachen kommt auch der Rest von uns langsam an. Wir sind wieder zuhause. 

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