Tanger/Marokko

Nur wenige Kilometer von Tarifa mit der Schnellfähre und doch eine ganz andere Welt – Afrika: lebhaft, laut aber auch zurückhaltend und überaus freundlich. Direkt am Fährhafen haben wir Mohammed kennengelernt, er hat sich mehrere Jahre in  D als Gastarbeiter durchgeschlagen und zuletzt als Taxifahrer in Hamburg gearbeitet. M. wird unser Spezialist für alles und spricht leidlich gut deutsch. Er ist unser Guide und zuverlässiger Fahrer. Ohne Führer geht es nicht, wenn man tiefer eindringen möchte in das tägliche Leben der einfachen Leute. Man kann sich hier ohne Hilfe in dem Gewirr aus Gassen und den vielen peinlichen Möglichkeiten in Fettnäpfe zu treten, alleine nicht zurechtfinden. Er kennt die Zauberwörter, damit sich Türen öffnen und hat die richtigen Verbindungen. Natürlich hat er an uns auch den einen oder anderen Euro verdient aber warum auch nicht. Ein Anruf und er steht bereit. Er liefert Erklärungen, wenn er sieht, dass bei uns der Unterkiefer runtergeklappt ist, weil wir nicht glauben, was wir sehen. Taxifahrer in Hamburg zu sein, stelle ich mir hart vor, hier jedoch hat er sich die letzten Feinheiten seiner Fahrkunst angeeignet. Tanger ist ein riesiger Autoscooter ohne Regeln. Das wichtigste Instrument ist die Hupe, die schon vor dem Motorstart betätigt wird, damit diese, wenn der Motor dann läuft, auch gängig ist, danach kommt das Gaspedal. Bremse, wer bremst hat Angst und wer will schon als Feigling gelten? Der Skipper hat sich nach hinten gesetzt, vorne schwächeln die Nerven. Verkehrsregeln haben allenfalls einen hinweisenden, empfehlenden Charakter und das Geheimnis ist, immer in Bewegung zu bleiben. Würde man z.B. an einer hübsch rot leuchtenden Ampel anhalten, würden die Nachfolgenden auffahren. Schon die Fahrt in seinem neuen Auto zum Hotel ist super. In D wäre er danach Rentner, denn allein die kurze Fahrt hätte in D locker für einen Führerscheinentzug bis zum Lebensende gereicht. Mit Google Maps vorbereitet hatten wir kurz überlegt, die paar hundert Meter zu Fuß zu gehen – Tage später hätten wir es dann gefunden – für Mohammed kein Thema. La Maison de Tangier liegt 2 Min von der Kasbah entfernt, ein charmantes kleines Boutique-Hotel mit 8 Zimmern/Suiten. Die marokkanische Einrichtung, der üppig grüne Innenhof mit Schwimmbecken, die Dachterrasse mit Blick bis zur Straße von Gibraltar unser wunderschönes Zimmer mit Balkon zum Hof und Badewanne, ein Gefühl wie in den Flitterwochen.

Von dieser sicheren Oase aus können wir uns gut ins Getümmel stürzen um anschließend die erholsame Ruhe zu genießen.

Der Ruf der Muezzins tönt zwar mehrmals am Tag und in der Nacht herüber – doch das passt zum exotischen Gesamtbild, die Gebetsformeln überschallen alle anderen Geräusche. Vor Sonnenaufgang (hier um 5 Uhr, weil minus 2 Stunden Zeitverschiebung) erinnnert lautes Trommelschlagen, dass gleich Schluss ist mit Schlemmen. Der Ramadan bestimmt erkennbar den Lebensrhythmus der Menschen, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang u.a. weder essen noch trinken dürfen. Selbst auf einer Baustelle in Hotelnähe wird nichts getrunken, obwohl die Arbeiter in der Sonne stark schwitzen. Die allgegenwärtigen Kaffeebars und Restaurants haben tagsüber geschlossen, als Ausländer respektieren wir dies und ziehen uns für einen Imbiss oder ein Getränk tagsüber in unser Hotelzimmer zurück. Nach welchen Regeln hier das Leben spielt, erschließt sich uns nicht. Alle Männer wuseln hektisch umher und gehen ständig irgendwelchen Geschäften und Beschäftigungen nach.

Frauen zeigen sich in der Öffentlichkeit durchweg nur mit Kopftuch oder tief verschleiert. In keinem Geschäft haben wir je eine Kasse gesehen. Bargeld verschwindet sofort in irgendwelchen Taschen unter dem Kaftan. Eine Quittung haben wir bei Käufen nie erhalten. Obwohl wir vorher davon gelesen haben, wollen wir es nicht glauben. Viele Waren sind nicht ausgezeichnet, den genannten Preis darf man dann wirklich nie und nimmer akzeptieren. Auch wenn es uns lächerlich erscheint, muss man auch bei einer Minisumme um den Preis feilschen, es gehört unbedingt dazu, sonst steht man bereits bis zu den Knien im Fettnäpfchen.

Das ist Teil der Kultur, irgendwann einigt man sich und beide Seiten sind zufrieden. Wir sind ungläubige Zeugen von Verkaufsverhandlungen geworden, wo der Käufer nach der Preisnennung den sterbenden Schwan spielte, bis hin zu einer lautstarken Diskussion mit einer Gestik und Theatralik, dass wir dachten, gleich gibts böse was auf die Augen. Nein, beide haben ihr Gesicht gewahrt und am Ende wird der Kauf mit Handschlag besiegelt und Käufer wie Verkäufer haben ein Grinsen im Gesicht, wer braucht da noch einen Kassenbon? Bezahlt wird mit MDH=Marrokanischen Dirham oder Euro. Trotz Tarnung (aus Respekt trägt die Skipperin Kopftuch) werden wir als Ausländer sofort erkannt und ständig am Ärmel gezupft, ob man irgendwas braucht, einen Führer, ein Auto, Haschisch oder sonst was, alles kein Problem, überraschend vielfältig sind die Kenntnisse der gängigen europäischen Sprachen. Wenn man ablehnt, wird das akzeptiert und man nicht weiter behelligt, dazu wird uns noch ein schöner Tag gewünscht. In den kleinsten Nischen der Altstadt haben auf nur wenigen qm Handwerker ihre „Werkstätten“ eingerichtet. Silber-und Goldschmiede, Schneider und Weber, Schreiner, Gemüse-  und Fleischverkäufer, Verkäufer von Haushaltswaren, vor allem aber von Gewürzen. In den Gässchen hängt ein Dunst und Geruch in der Luft, der unbeschreiblich ist.

Wir wissen nicht, ob es überhaupt möglich ist, aber wir beide sind uns sicher, dass wir in der Nase Muskelkater haben. Was die Leute verdienen, reicht offensichtlich oftmals gerade zum Leben. Auf Mopeds und mit Autos wird immer irgendwas transportiert. Viele legen sich tagsüber für ein Nickerchen in den Park, wenn es in den Wohnungen zu warm ist. Die olle Pappe, die sich plötzlich bewegt, stellt sich als Zudecke heraus. Alles, aber auch wirklich alles was defekt ist wird repariert, ausgeschlachtet oder umfunktioniert von der Uraltwaschmaschine, alten Lampen, gebrauchten Sanitärartikeln bis hin zu Autos. Wenn hier was weggeworfen wird, ist es wirklich Schrott. Europa ist zwar 14 km nah, doch gefühlt mehrere Tausend entfernt. Es wird noch geraume Zeit dauern, bis wir die ganzen Eindrücke verarbeitet haben.

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