Tal der Tempel

Endlich steht die Corona-Ampel für Sizilien auf gelb, das bedeutet Bewegungsfreiheit in der Region und kommt unserer Neugier auf Land und Leute sehr entgegen. Da niemand weiß, wie lange die kleine Reisefreiheit andauern wird, machen wir kurzfristig mit unseren schwedischen Freunden ein Planungs-Eating-Meeting. Schnell ist unsere Liste „da müssen wir hin“ gefüllt. Zuerst werden wir ins Freilichtmuseum „Tal der Tempel“ in der Nähe von Agrigento reisen, nur eine Stunde mit dem Bus entfernt, also lässt sich der Ausflug leicht in die Tat umsetzen – denken wir. Unsere kleine Reise zeigt uns wieder einmal deutlich, woran Italien krankt. Wenn irgendwas „italienisch organisiert“ ist, ist das eigentlich immer ein Fall für die Tonne, denn es funktioniert nicht. Da wir jedoch tiefenentspannt sind, tragen wir es mit Humor.

Wo die Busstation ist, haben wir in den letzten Monaten schon herausfinden können – in geradezu detektivischer Kleinarbeit haben wir Abfahrtsort und Fahrzeiten diverser Reisebusse ermittelt. Eine straffe Organisation wie in Portugal oder Spanien sucht man in Italien jedoch vergebens, Hinweisschilder sind in Italien unbekannt, so finden wir das „Busterminal“ eher zufällig in Bahnhofsnähe. Der großzügig ausgebaute Busbahnhof ist mit Flatterband abgesperrt, damit dort niemand parkt, auch kein Bus. Die Zufahrt zur Haltestelle wird den Busfahrern erst nach ausgiebigem Hupkonzert frei gemacht. Der Einstieg ist dann auf einem schmuddeligen Hinterhof zwischen Abrisshäusern. Damit man die Wartezeit angenehm verbringen kann, ist der Ticketverkauf in einer kleinen Bar mit Tabakladen untergebracht, so die Beschilderung auf der Leuchtreklame. Natürlich nur theoretisch – der „Barista „ gibt gern Auskunft – nur auf italienisch: Biglietti sull’autobus, basta. Abfahrtzeiten haben wir vorab gegoogelt, denn Fahrpläne hängen nirgendwo. Die Haltestelle „Tal der Tempel“ gibt es auch nicht, obwohl es sich um einen Touristenmagneten handelt. Da ist der Ratschlag aus der Segler-Community sehr hilfreich: den Busfahrer bitten, am Museum anzuhalten. Mit Picknickausrüstung starten wir voller Vorfreude. Schon die Fahrt durchs grüne Land ist Balsam für die Augen und endlich mal wieder unterwegs zu sein, macht gute Laune. Es ist Frühling, wie er schöner nicht sein kann. Wie geplant lässt uns der freundliche Busfahrer am Museumsgelände aussteigen.

Die breite Zufahrt stellt sich jedoch als Ausgang des riesigen Parkgeländes heraus. Der Betreiber des einzigen Souvenirbüdchens schickt uns zum Eintrittskartenkauf in die falsche Richtung!? Nach einem Marsch direkt an der Straße zurück auf der wir gekommen sind, teilt uns der korrekte Wachmann (mit Bewaffnung!) mit, dass der offizielle Parkeingang zur Zeit außer Betrieb ist. Irgendein Hinweisschild wäre echt hilfreich gewesen. Also das Ganze retour! Am Parkausgang bequemt sich schließlich die Dame vom Parkpersonal zu uns herüber und teilt uns freudig mit, dass sich der Ticketverkauf am Tempel der Juno befindet, nur schlappe ca. 2,5 km entfernt!! Lange Gesichter!

So hat es früher mal ausgesehen.

Kleine Anmerkung an dieser Stelle: ein Tal ist meist umgeben von Bergen oder mindestens von Hügeln. Mutig fragen wir nach einem Taxi – 10 Euro später treffen wir nun leicht genervt am Parkeingang ein, die 2,5 km über Berg und Tal an der Landstraße entlang – natürlich ohne Seitenstreifen oder Gehweg- hätten uns zu Fuß den Rest gegeben. Nach Vollkontrolle mit Gepäckdurchleuchtung und Körperscan macht sich die Touristenschlange bestehend aus uns 4 auf Erkundungstour.

Die nahe Stadt Akragas (heute Agrigento) wurde 580 v.Chr. von Kolonisten aus Rhodes und Gela gegründet. Sie liegt auf einem Hochplateau und grenzt im Süden an den sogenannten Collina die Templi = Hügel der Tempel. Wie viele Orte Siziliens blicken die Stadt und die Tempelanlage auf eine wechselvolle Geschichte zurück, namhafte Völker haben hier gebaut, geherrscht und gekämpft. Der Großteil der heute sichtbaren Überreste und die imposante 12 km lange Mauer mit neun Toren wurde in fieberhafter Bautätigkeit vermutlich von Sklaven im 5/6. Jhdt.v. Chr. erbaut – 400 v. Chr. von den Karthagern zerstört, im 3. Jhdt.v Chr. wieder aufgebaut, zuletzt im 2. Jhdt. v C von den Römern einer monumentaler Stadterneuerung unterzogen. In der Blütezeit lebten in der Stadt für die damalige Zeit unglaubliche 200.000 Einwohner in Reichtum und Luxus (ein paar davon).

Einige griechische und römische Tempel stehen noch und machen sprachlos. Anderen haben die Zeit und viele kleine Erdbeben sichtbar zugesetzt, manche sind komplett eingestürzt und nur noch als Steinhaufen zu erkennen.

Wir fragen uns, wie diese Steinmonster mit einfachsten Hilfsmitteln erbaut worden sind. Das Gelände ist riesig, da kann man sich glatt verlaufen.

„1000jähriger Olivenbaum“

Am Ende brennt die Linse der Kamera und unsere Füße auch. Nach zwei Stunden Wartezeit (Wie war das noch mit dem Fahrplan?!) kommt endlich unser Bus – besichtigen ist echt anstrengend, aber schön war’s!

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