Kurs Nord – Teil 2

Gegen Abend nähern wir uns dem ersten Übernachtungsplatz, dieser, wie auch Campingplätze ganz allgemein, sind im Landesinneren Süditaliens ziemlich rar. Dann finden wir im Internet Hinweise auf „Agriturismo Sosta Camper“, die italienische Version von „Ferien auf dem Bauernhof“, mit Womo-Stellplätzen. Unser ist im Nationalpark Pollino und heißt „Agriturismo Acqua della Foce“, laut Karte gut erreichbar, in der Nähe einer Autobahnabfahrt gelegen, sind nur 3 km Landstraße zu bewältigen.

Wegen der Fährfahrt und einer ausgiebigen Mittagspause sind wir spät dran, es dämmert als wir vor der „Herberge“ eintreffen – schmaler Schotterweg – Eisentor geschlossen. Inzwischen ist es zappenduster, haben wir eigentlich einen Plan B? Nöö!!!!! Neben dem Tor finden wir eine Telefonnummer und es klappt- nach 10 Minuten kommt der Eigentümer und schließt auf – nach kurzer Einweisung, Strom- und Wasseranschluss sind vorhanden und 15 € später knallt der Prosecco – Korken – willkommen im Paradies. Hier sagen sich tatsächlich Fuchs und Hase gute Nacht. Der nächste Morgen offenbart die wahre Idylle, in der wir gelandet sind. Ringsum grüne Berge, es riecht nach frisch gemähter Wiese und Wald, ein Adler zieht hoch über uns seine Kreise, noch im Nachthemd gehen Ewa und die Skipperin im verwilderten Bauerngarten räubern.

Zum ersten Frühstück im Womo gibt’s knackiges Gemüse. Anders steuert dazu frische Feigen bei, vom Baum nebenan schnell gepflückt. Heute geht es weiter nach Orvieto, einer mittelalterlichen Kleinstadt auf einem Berg gelegen. Nach Monaten mit Sonne pur erleben wir prasselnden Regen und einen „quasi Seenotfall an Land“: Wassereinbruch (siehe Teil 1). Die Besichtigung des Ortes verschieben wir auf den Rückweg und machen es uns im Womo gemütlich. Auf der nächsten Etappe treffen wir die endgültige Entscheidung, wie wir die Alpen überqueren. Laut der jüngsten Nachrichten werden am Brenner stichprobenartig Kontrollen mit Corona-Tests vorgenommen und auch bei der Einreise nach Bayern ist mit Coronatests zu rechnen, mit folglich kilometerlangen Staus und entsprechenden Wartezeiten. Da haben wir keine Lust drauf. Also werden wir durchs Schweizer Ländle fahren. Noch zittern wir vor der angekündigten Wetterlage mit Schneeeinbruch bis in tiefe Lagen, der Live-Reporter von Wetteronline steht schon bis zu den Knien im Neuschnee. Da bietet sich ein kleiner Umweg über Valeggio sul Mincio zwingend an.

Passend zur Mittagszeit parken wir quasi direkt vor „unserem“ Pasta-Paradies ein. Schauen-staunen- aber vor allem quer durch die Speisekarte schlemmen, ein Highlight besonders auch für unsere Freunde. Bepackt mit Tortellini-Vorräten für die nächsten Tage beziehen wir den Campingplatz Il Borghetto und halten proppmàtt (schwedisch für richtig satt) Siesta.

Am folgenden Tag ist feinstes Sonntagswetter – also auf in die Alpen – Sightseeingtour – Schnee liegt nur auf den höchsten Gipfeln, das Alpenpanorama ist einfach nur überwältigend schön.

Entlang geht’s am Comer und Luganer See, durch den Gotthardt-Tunnel, Vierwaldstätter See, Luzern, Basel – beliebte Reiseziele für viele Bergtouristen, auch wir können uns hier einen längeren Aufenthalt vorstellen. Die nächste Nacht verbringen wir auf dem Campingplatz am Sempacher See, noch in der Schweiz.

Sempacher See in der Schweiz

In Deutschland pausieren wir in Bacharach, wo der Campingplatz direkt am Rheinufer liegt. Bevor Entzugserscheinungen auftreten, kann man hier mal wieder Schiffe gucken, die hier beim stromauf Fahren richtig kämpfen müssen, um die starke Strömung zu überwinden.

Mit unseren Freunden bestaunen wir die alten Fachwerkhäuser und die engen Gassen aus dem Mittelalter. Inzwischen sind wir, aus dem ewigen Sommer kommend, in den deutschen Herbst eingetaucht und genießen den Jahreszeitenwechsel mit leuchtenden Farben der beginnenden Herbstverfärbung in den Hanglagen der Weinberge. Wir tauschen T-Shirt gegen Fleece-Jacke, sogar Wollsocken kommen zum Einsatz. Den kalten Jahreszeiten völlig entwöhnt, frieren wir wie die Schneider, zweifellos steht uns eine Eiszeit ins Haus. Dazu passt die kleine Weinprobe im Weinkeller Jost und die Verkostung von Flammkuchen, den hätten wir aber am liebsten mit Glühwein bestellt. So lässt sich die kühle Witterung aushalten mit Nebelschwaden über dem Rhein und richtig herbstlicher Stimmung, das speichern wir erst mal ab, denn nach unserer Rückkehr nach Sizilien werden wir wieder im Sommer sein. Zurück in heimatlichen Gefilden freuen wir uns darauf, Familie und Freunde zu treffen.

Ewa und Anders fahren nun doch nicht nach Schweden weiter, die Corona-Siuation ist unberechenbar, sie werden kurzerhand in die Familienrunde aufgenommen. Radtouren über die Pättkes und der Besuch der Stadt Münster, durch die sie vor 3 Jahren auf dem Kanal mit dem Boot gefahren sind, müssen als Ersatz genügen.

Was wir mit unserer tollen Familie erlebt haben, erzählen wir hier nicht, ist privat. Nach einer Woche sind wir on-the-road-again. Mit neuen Corona-Zahlen im Nacken trödeln wir nicht lange rum und sind ruckzuck in der Schweiz. Auch dieses Mal haben wir Glück und auf der Fahrt durch die Berge zeigt der Herbst seine schönsten Farben. Aus Sorge vor einem Wetterumschwung ziehen wir durch bis Claro bei Bellinzona auf der Südseite des Gotthard.

Wir suchen uns einen kleinen Familiencampingplatz aus am Berghang mit Wasserfall. Sein Rauschen über uns erzeugt eine seltene natürliche Hintergrundbeschallung. Der Platz hat viele liebevoll angelegte Stellplätze auf Wiesengrund mit engen Zufahrten, für größere Womos gibt es bei Regen nur wenige ebene Stellflächen. Wir parken daher auf einer Wiese vor dem Eingang ein und genehmigen uns einen Sundowner mit Alpenpanorama. Von nun an steigt das Thermometer wieder, die Wollsocken werden gegen Flipflops getauscht. Wegen der guten Erfahrung auf der Hinfahrt setzen wir auch auf dem Rückweg einen Wegepunkt in Valeggio sul Mincio.

Für uns gibt es eigentlich gar keine Route durch Italien, bei der man dort nicht vorbeikommt.

Die Details ersparen wir euch, nicht das ihr schon beim Lesen zunehmt. Auch Orvieto (nördlich von Rom) haben wir wieder angesteuert, dieses Mal ist das Wetter hervorragend. Mit der Standseilbahn direkt neben dem Stellplatz kommen wir bequem nach oben und werden mit einem tollen Panoramablick belohnt. Die kleine Stadt ist durchzogen von schmalen Gassen mit zahllosen Restaurants, Bars und Boutiquen, vermutlich strömen hier in der Hochsaison Touristenmassen durch. Doch jetzt herrscht eine ruhige, eher beschauliche Stimmung- man wartet vergeblich auf mehr Besucher. 

Zwischen Rom und Neapel liegt die Hafenstadt Gaeta, in Seglerkreisen ein vielgelobter Überwinterungsplatz. Da der Ort auf unserer Route liegt, machen wir einen Inspektionsstopp. Von Bergen umringt liegt Gaeta in einer riesigen Bucht, die nach Südost offen ist. Marina und Umgebung machen einen gepflegten Eindruck. Unser Womo-Übernachtungsplatz ohne jeden Service liegt in einem grünen Park auf einem Plateau über der Stadt, diesmal verbringen auch einige andere Camper hier eine ruhige Nacht. Die einzige Störung am Abend wird von einer Motorsense verursacht. Staunend beobachten wir, wie wahrhaftig Pflegearbeiten an Hecke und Grünstreifen gemacht werden, das bringt nach unseren Erfahrungen mit Ostia echte Pluspunkte in unser Bewertung Gaetas als möglichen Überwinterungshafen. Unser nächster Stopp führt uns wieder auf einen Agriturismo-Platz, diesmal im Cilento, der Nationalpark, den wir im Sommer von der Seeseite bewundert haben. Wir parken das Womo auf einer Wiese mit Oliven- und Walnussbäumen gleich neben dem Ziegengehege und dem Hühnerstall, echte Landwirtschaft.

Wir genießen es im Grünen zu sein, die Vögel zwitschern und der Hofhund schließt Freundschaft mit dem Skipper (der hat ihn mit Käse bestochen). Da die geschäftigen Bauersleute auch ein Restaurant betreiben, lassen wir uns diesmal am Kaminfeuer!! mit Leckereien aus der Hofproduktion verwöhnen: köstliche Antipasti, Pasta mit Trüffel und gebratene Köstlichkeiten vom Schwein, dazu ein Krug Rotwein mmmmh! Unser letzter Stopp liegt nur 45 km von der Straße von Messina entfernt, Gioia Tauro heißt der zugehörige Ort, der einen großen Containerhafen hat. Wäre nichts Besonderes, wenn wir nicht kurz vorher in den deutschen Nachrichten einen Bericht zum internationalen Drogenschmuggel der Mafia in eben diesem Hafen gelesen hätten. Mit etwas mulmigem Gefühl steuern wir also den letzten Übernachtungsplatz unserer Reise an.

Naja auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig – auf den zweiten Blick ein Kleinod. Auf Anruf kommt der Eigentümer umgehend, wir sind die einzigen Gäste, ringsum Mauer, hohes Eingangstor, er händigt uns den Schlüssel aus. Wir freuen uns über die warme Dusche mit WC, die sind auf Übernachtungsplätzen meist nicht vorhanden. Es gibt sogar eine überdachte Terasse mit Grill!! Wir überlegen nicht lange, Kohle und Fleisch sind schnell gekauft und wir machen uns einen richtig genialen Abschlussabend mit „Captains Dinner“.

Am nächsten Tag empfängt uns Sizilien mit grauem Himmel und Regen. Die Abfertigung am Fährterminal ist die reinste Katastrophe. Nach langen Recherchen im Internet und der Erledigung der Selbstauskunftspflicht (Corona) ist man beim Einchecken nur am Ticket interessiert. Neu ist, dass wir wegen der Ansteckungsgefahr nicht aussteigen dürfen. Nicht schlimm – es schüttet wie aus Eimern. Schließlich verzieht sich der Regen und Sizilien zeigt uns all seine Schönheiten, einschließlich dem Ätna mit Schneekappe!!

Der Rest ist schnell erzählt und dauert doch 2 Tage: Womo ausladen, PKW mieten, 3 Stunden nach Randazzo, Womo zurückgeben, 3 Stunden mit dem Pkw zurück und wieder abgeben. Puhh –  jetzt machen wir erstmal Urlaub – und schön war’s!  Und Ewa und Anders sind noch immer unsere Freunde!

Blick aus Columbias Cockpit

Kaum zu glauben, dass wir drei Wochen unterwegs waren. Wir sind so froh, dass wir die Tour gemacht haben, wer weiß, ob wir zur Weihnachtszeit fahren oder fliegen können. Die Corona-Regeln ändern sich ständig. In Italien ist Maskenpflicht, sobald man sein Zuhause verlässt. Die gilt auch in unserem Hafen. Für die Einreise nach Sizilien muss nicht nur das Online Formular mit der Selbstauskunft ausgefüllt werden. Zusätzlich ist jeder Kapitän eines seegehenden Schiffes also auch der Skipper verpflichtet, bei seiner Crew täglich Fieber zu messen und Auffälligkeiten sofort zu melden. Das Lachen darüber bleibt einem dabei im Hals stecken. Mittlerweile ist u.a. Randazzo zur roten Zone erklärt worden und ist somit Sperrgebiet, die Abgabe des Womos hat gerade noch geklappt. Deutschlands Nachbarländer sind alle zu Risikogebieten erklärt worden. Wir sind bei unserer Reise wohl so gerade noch mal ohne Quarantäne durchgeflutscht. Hoffentlich ist dieser Albtraum bald vorbei. Liebe Leser, bitte bleibt gesund!!

One Comment

  1. Monika

    Was für eine Reise, das machen und sehen Viele nicht in ihrem ganzen Leben.
    Glückwunsch, auch zur heilen Ankunft zurück Im fernen, heimischen Hafen !!!
    Und nun müssen wir die Ohren steif halten!! Hier und dort !!

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