Ägadische Inseln

Ganz im Westen Siziliens ragen noch ein paar Anhängsel ins Mittelmeer hinein: die relativ unbekannten Ägadischen Inseln – Favignana, Levanzo, Marettimo + ein paar kleine Felsklumpen. Viel wussten wir nicht darüber, doch auf unserer Route zur Südküste kommen wir daran vorbei. Es wäre ein Frevel, sie links liegen zu lassen. Schon unser Ankerplatz in der Bucht von San Vito lo Capo rangiert unter dem „Musst-du-gesehen-haben-Ranking“ mit dem klaren Wasser und den weißen Sandstränden bei Sizilien-Liebhabern unter den Top 5.

Jetzt in der Hauptsaison machen viele Italiener hier Urlaub, die Strände sind gut besucht. Motorboote in allen Größen und Yachten sorgen für interessantes Buchtenkino, da werden abenteuerlich Manöver von den Charteryachten gefahren, es tummeln sich viele junge Leute bei lauter Musik auf und im Wasser – Abstandsregeln und Mascherina haben sie zu Hause vergessen (italienisch – Mundschutzmaske). Die Touriboote sind gut gefüllt, die Leute stehen dicht an dicht und in den Strandbars geht die Post ab. Da fühlen wir uns auf Columbia in sicherer Quarantäne, ein Landgang ist schon gewagt. Nach ein paar Tagen Ankerleben im Paradies müssen wir weiterziehen, denn die Welle und der Wind stehen jetzt in die Bucht. Die letzte Nacht ist ungemütlich, das Ankerfeld wird gut durchgeschüttelt, so manche Crew ist die ganze Nacht wach, denn in der Koje rollt man mit, für einige Chartergäste fängt hier die Seekrankheit an. Wir segeln nach Trapani, der größten Stadt der Region, mit großem Fischerei- und Fährhafen, Ausgangspunkt für nette Ausflugsziele zu Land und zu Wasser. Die kleine Marina liegt nahe der Altstadt.

Nachdem unsere Einkaufsliste abgearbeitet ist, werden wir unternehmungslustig. Ewa hat die Bus-Anfahrt nach Erice ausgetüftelt, gemeinsam gehen wir auf Tour, um den Berg von Erice mit der Seilbahn zu bezwingen. Schon morgens um zehn brezelt die Sonne, der Weg zu Bushaltestelle wird zum Slalomlauf von einem Schattenplatz zum nächsten, wir schwitzen nicht, nein – wir laufen aus, trotz Hut und leichter Bekleidung. Nach endlosen 30 Minuten kommt endlich der richtige Bus – voll klimatisiert – entspanntes Zurücklehnen und hoffen, dass die Fahrt möglichst lange dauert.

Wir können fast vom Bus in die Gondel umsteigen, keine Warteschlange stört den sonnigen Weg. Wir sitzen zu viert in der Gondel, mit jedem Höhenmeter nimmt überraschenderweise die Temperatur ab und die Aussicht wird immer spektakulärer – wir alle können uns kaum erinnern, wann wir das letzte Mal Seilbahn gefahren sind. Gemütlich geht’s hoch, 6,5 km lang ist die Strecke und oben erwartet uns (un)angenehme Frische, so also fühlen sich frostige 27°C an. Sind wir etwa zu leicht angezogen? Die Bergkuppe wird von einer mittelalterlichen Burganlage beherrscht, natürlich sind wir nicht allein, doch es sind so wenige andere Leute unterwegs, dass wir viele menschenleere Szenen fotografieren können.

Die Bergluft macht hungrig und wir lassen uns unter einer Riesenpalme zum Pranzo nieder, das Menü tipico rustico mundet hervorragend, mit Sorgfalt zubereitet, kein Touri-Futter. Wir sind hoch zufrieden und genießen unseren Ausflug. Am nächsten Tag treffen wir uns zur Planung der Weiterreise. Die Ägadischen Inseln sind ein Bioreservat und man unterliegt den Parkregeln; die herauszufinden ist ziemlich knifflig, es gibt Ankerplätze, Bojenfelder und jede Menge Sperrgebiete. Auf der Homepage der Organisation (www.ampisoleegadi.it) klicken wir uns durch die Details. Letztendlich buchen wir 6 Tage Ankererlaubnis für 35€, bezahlbar über Paypal – geht doch! Am nächsten Morgen ist Columbia schnell aufgeklart und auslauffertig. Doch was ist das jetzt, der Motor springt nicht an, statt dem satten Piepton nur leises Summen. Also Kommando zurück – Unisax angefunkt – Houston, wir haben ein Problem!! Der Skipper geht auf Fehlersuche und schnell ist klar, die Starterbatterie ist hinüber, Anders prüft sie noch mal durch – die ist hin. Gut, dass wir in einer großen Stadt sind, der Stegnachbar von gegenüber spricht englisch und hat gute Lokalkenntnisse. Er telefoniert für uns herum und gibt uns die Adresse einer Autowerkstatt, die eine passende Batterie haben könnten. Jetzt ist Teamarbeit gefragt, die Skippers machen die Schrauberarbeit, Ewa und ich laufen zur Werkstatt, dank Google Map finden wir sie schnell. Mit meinem Babbel – Italienisch stelle ich wohl die richtige Frage. Der Mechaniker schaut auf das Handy-Foto der Batterie und zoomt die entscheidenden Daten heran. Im Handumdrehen steht die Ersatzbatterie auf dem Tisch.

Der Foto-Abgleich per Handy mit dem Skipper endet mit „Kaufen!“. Als ich meinen Kaufwunsch vortrage, ist noch ein Freund (so unsere Altersklasse) des Werkstattmeisters anwesend und dolmetschert etwas englisch, als der Deal zum Abschluss kommt, will er gerade in sein Auto steigen. Auf unsere gewagte Frage, ob er vielleicht zufälligerweise zum Hafen fährt, scheint er geradezu gewartet zu haben. Da blitzt ein bisschen der italienische Macho durch, die italienischen Männer behandeln uns „ältere Mädels“ wie Gentlemen. Der Ehrgeiz ist geweckt, uns zu zeigen, was italienische Manieren sind. Wie selbstverständlich fährt er nicht nur die Batterie, sondern auch Ewa und mich zum Hafen und trägt das gute Stück noch bis zur Transportkarre. Der angebotene Geldschein wird mit großer Geste abgelehnt. Wir sind happy. Im Handumdrehen ist die Maschine startklar und wir legen mit nur zweistündiger Verspätung ab. Favignana – wir kommen. Wir steuern zuerst die Cala Azzurra an, das Wasser schimmert wie in den Prospekten der Reiseveranstalter im Hafen blaugrün, das hätte uns schon stutzig machen sollen. Unzählige kleine und große Ausflugsboote kommen mit ihren Gästen für ein Foto vorbei, rasantes Fahren bringen das Wasser zum Schäumen, ruhiges Ankern geht hier gar nicht.

Wir biegen ab an die Südküste und fahren dort unseren Anker sorgfältig auf einem Sandflecken in einer großen Posidonia-Wiese ein. Posidonia heißt das Seegras, hier sind die Brutstätten der Fische und die Heimat der Seepferdchen.

Posidonia – 7m unter Columbia

Überall im Mittelmeer sind diese Unterwasser-Wiesen durch Umweltsünden zu kleinen Beständen geschrumpft, die nun durch mehr oder weniger restriktive Einschränkungen geschützt werden. Die Auflagen werden von Rangern überwacht und haben Sinn und Verstand. In den Buchten sehen wir Fischschwärme wie selten zuvor. Das absolute Angel- und Fischfangverbot macht sich bezahlt, die Buchten quellen über vor maritimem Leben. Wir beobachten direkt am Boot zahlreiche Fischarten, die sich zu unserem Erstaunen im Wasser gerne füttern lassen. Hier ist die Babystube einiger Haiarten und Planschbecken von Wasserschildkröten. Um die Insel Favignana herum gibt es viele Bojenfelder, es ist gewünscht, sie zu benutzen. Das Ankern ist jedoch nicht verboten und so pflügen die einheimischen Tagesgäste mit ihren kleinen Schlauchbooten in der Hauptsaison munter durch die Seegraswiesen. Wir vermuten, dass die Insel Favignana als traditionelle Ferieninsel von den strengen Auflagen ausgenommen ist, da sie als Naherholungsgebiet der Bevölkerung dient. Haie und Schildkröten ziehen sich dann wohl in die abgelegenen und strikt geschützten Regionen z.B. zur Insel Marettimo zurück.  Anscheinend reichen aber die 11 Monate im Rest des Jahres für die Erholung des Reservates um Favignana aus. Wir verbringen hier einige schöne Tage mit Schwimmen und Schnorcheln und haben ab dem frühen Abend die Bucht nur für uns.

Allmählich kündigt sich mit Frühnebel und böigen Winden das Ende des Sommers an, die Temperaturen gehen nachts unter die 30°Marke und wir sind gespannt, was wir so in den Küstenorten im Süden Siziliens entdecken werden.

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