Auf ein Neues

Wintertage in der Segelzeit sind für uns dringend nötig. Nach dem Herumzigeunern auf dem Wasser freuen wir uns darauf „landverbunden“ zu sein. Erst mal durchatmen, resetten, Wetterbericht – ist uns doch egal, und schließlich Pläne für die Landerkundung schmieden. Während der heißen Segelphase entfernen wir uns nicht allzu weit vom Wasser, Besichtigungen bei 35°C und mehr machen uns keinen Spaß. Während wir also schweißend die Hitze überstehen, füllen notwendige Reparatur- und Instandsetzungsprojekte die Arbeitsliste für die Wintertage – aber die neue Segelsaison startet erst im Mai – da muss man nichts überstürzen.

Wie ihr euch sicher erinnert, sind wir zum zweiten Mal in Rom. Unser erster Aufenthalt war „gekrönt“ vom Corona-Lockdown – Reisepläne, wohin auch immer, waren plötzlich ausgebremst. Daher auf ein Neues – geboostert können wir uns frei bewegen – den Green-Pass stets in Vorhalte und einige Regeln beachten wie in Deutschland auch. In den öffentlichen Verkehrsmitteln, Museen etc. muss man die modische FFP2 tragen, draußen reicht die medizinische oder selbstgestylte Variante, Desinfektionsgel ist immer dabei. Neu ist, dass auch im Außenbereich der Restaurants nur noch geimpfte und genesene Gäste sitzen dürfen, negativ getestet reicht nicht mehr. Nur so am Rande:  Italien hatte am Samstag 170000 neu Infizierte! Daher werden die Zügel angezogen. Für Menschen über 50 besteht ab dem 1. Februar Impfpflicht. Der Zutritt für viele Einrichtungen ist dann für Ungeimpfte nicht mehr möglich, u.a. kann kein Postamt mehr betreten werden, dort wird die Rente für einige – anders als bei uns – noch so richtig vorsintflutlich in bar ausgezahlt. Seitdem herrscht wieder Gedränge an den Impfstationen. Am liebsten meiden wir Menschenmengen, doch in der Metro kann es schon mal eng werden; wir 4, also mit Ewa und Anders, stellen uns dann quasi in Wagenburgformation zusammen! In der vergangenen Woche haben wir uns die Villa bzw. Galleria Borghese im größten Stadtpark Europas als Ziel ausgesucht.

Die Eintrittskarten müssen vorab im Internet gekauft werden, vor Ort geht das nicht mehr. Die Villa, ursprünglich ein Landgut, ist ab 1606 vom Kardinal Scipione Borghese ausgebaut worden, einerseits als Prestige-Objekt der unermesslich reichen Borghese-Familie, andererseits um dort seine Kunstsammlung unterzubringen. Berühmte Raumgestalter haben die Villa den wertvollen Werken entsprechend ausgestattet und dekoriert, namhafte Künstler wurden mit der Bemalung von Decken und Wänden beauftragt. Erlesene Möbel und Mamorfußböden ergänzen das Gesamtkunstwerk. Früher wie heute stehen die Besucher staunend in den Hallen und verrenken sich die Hälse, argwöhnisch von reichlich Securitypersonal beobachtet.  Da wurde geklotzt, nicht gekleckert.

Man sieht Werke von Künstlern, die schon zu Lebzeiten eine Legende waren, z.B Rafael, Bernini, Caravaggio, Leonardo da Vinci…. Motive aus der Kirchengeschichte überwiegen, aber auch detailreiche Landschaftsszenarien, Stilleben und Porträts bedecken Wände und Decken.

Riesige Marmorskulpturen mit exzellent ausgearbeiteten „Frisuren“ oder „Faltenwürfen“ füllen die Räume. Nach dem dritten Saal schwindet die Konzentration und spätestens jetzt fällt auf, dass die meisten Männer, Frauen, Kinder nackig sind, Akt-Malereien/Skulpturen vom Feinsten! Die Villa Borghese und ihre private Sammlung unterlag ja keiner Kirchenregel, gemalte Bilder und Marmorstatuen waren die einzige Möglichkeit, wohlgeformte Körper darzustellen und sich daran immer wieder zu ergötzen. Die schönen Reichen setzten sich schon damals gern in Szene.

Napoleons Schwester

Wie wir gelesen haben, hat Napoleons Schwester einen Borghese geheiratet, was den Kaiser veranlasste, einen großen Teil der Kunstgegenstände für sich zu beanspruchen und in den Louvre zu verschleppen, u.a. ist die Mona Lisa von Leonardo da Vinci Teil des Raubes geworden. Italien und Frankreich stehen immer mal wieder in Rückgabeverhandlungen. Doch richtig ernsthaft können die nicht sein, in der Galleria Borghese jedenfalls ist kein Platz für weitere Werke. Wir sind erstmal satt vom Gucken und Staunen.

Zum Abschluss noch ein kleiner Spaziergang im riesigen Park, in der die Villa errichtet ist und Besuchern seit 1900 ohne Eintritt offen steht, auch jetzt im Winter wunderschön – erste Osterglocken und Anemonen stehen in voller Blüte und dekorieren die Standplätze von „Blumentöpfchen mit kleinen Zitronenbäumchen“ – wie das erst im Frühling aussieht – dann kommen wir noch mal – zum Picknick im Park! Kommt man aus dem Kunsttempel raus, ist die Konfrontation mit der Alltagsrealität um so krasser.

Ein Beispiel für die gnadenlose Improvisations“kunst“ der Italiener:  An einer beampelten Hauptkreuzung in Ostia knickte durch einen Unfall ein Ampelmast um. Anstatt, wie erwartet, diesen zu erneuern, wurde der Mast um die abgeknickte Länge kurzerhand gekürzt gleich wieder eingesetzt. Dass die Ampel nun einen Meter „kleiner“ ist und nicht mehr das Höhenniveau der anderen Lichtsignale hat, scheint keinen zu stören. Auch der Anforderungskontakt für Fußgänger liegt nun nahe am Erdboden, muss man sich halt hinknien, wenn man den betätigen will. Man stelle sich das mal in Deutschland vor! Zur Ehrenrettung von Ostia auch mal was Positives, der Gärtnertrupp ist unterwegs – es werden Bäume gepflanzt!!  Unser nächster Ausflug führt zum Hauptziel aller Rom-Besucher, die einen kommen nur zum Besichtigen, die anderen, weil sie die Atmosphäre am wichtigsten Ort für die Christenheit, hautnah erfühlen wollen oder um schlicht und einfach dort zu beten. So pilgern Tag für Tag Tausende zum Petersdom. Es will also gut überlegt sein, welcher Tag für uns der Geeignete ist. Vorab haben wir uns immer mal wieder einen Eindruck per Vatikan-Webcam verschafft und auf MarineTraffic geschaut, wie viele Kreuzfahrtschiffe in Civitaveccia festgemacht haben, schließlich geprüft, welches Eintrittsticket am sinnvollsten ist, brauchen wir überhaupt Tickets – der Besuch des Gotteshauses steht allen frei, ist also umsonst, und durch das Nadelöhr Sicherheitsschleuse müssen alle, ob mit oder ohne Ticket. Mittwoch ist ein no – go – Tag für uns, da kommen die Gläubigen zur wöchentlichen Papstaudienz auf dem Petersplatz zusammen, Papa Francesco fährt dann im Papa-Mobil durch die Reihen. So reisen wir am Dienstag Morgen zusammen mit Ewa und Anders spontan zum Vatikan – ohne jede Reservierung, es ist sonnig aber kalt – in Rom sind die kleinen Pfützen gefroren! Mit der Erwartung 30 – 60min in der Warteschlange zu stehen haben wir uns warm eingepackt.

Und dann – nix – keine Schlange – slalomschlendernd durch die Absperrgitter sind wir nach 5 min drin – einschließlich Sicherheitscheck!

Der Dom ist fast leer, in aller Ruhe schauen wir uns alles an, haben Zeit die großen Werke intensiv zu betrachten, finden überraschende Details, fühlen uns klein unter den riesigen Kuppeln, Ehrfurcht ergreift uns, hängen unseren Gedanken nach, überraschend, was einem so in den Sinn kommt.

Bald fühlen wir uns zu Höherem berufen – wir wollen die Kuppel heraufsteigen – bis nach ganz oben – 551 Stufen. Anstelle der ersten 200 nehmen wir den Fahrstuhl und erreichen komfortabel den Rundgang hoch oben in der Kuppel.

Was man von unten als kleine gemalte Dekorelemente wahrnimmt, sind bei Betrachtung aus der Nähe großartige Mosaiken. Der Blick in die Tiefe offenbart die Gesamtkomposition des Kirchenschiffes wie bei einem Drohnenüberflug – wirklich beeindruckend!

Jetzt geht’s an die restlichen 330 Stufen, eingeklemmt zwischen Außen- und Innenschale steigen wir Stück für Stück nach oben, eigentlich nichts für schwache Herzen, das Blut kommt ganz schön in Wallung. Doch niemand drängelt; weil wir allein sind, können wir immer mal ’ne kleine Verschnaufpause machen und dann ist es geschafft. Der Ausblick ist umwerfend – Sicht bis auf die schneebedeckten Gipfel der Abruzzen – Rom liegt uns zu Füßen! Tipp für alle Kunstinteressierten: www.turismoroma.it – (auch als deutsche Version) bietet online Rundgänge durch die großen Kunstmuseen Roms und vieles mehr.

One Comment

  1. Berte

    Hola liebe Crew,

    mein Highlights eures Blogeintrages: Das „Women at Work“ Foto 😉
    Wie sähe wohl das „Men at Work“ pendant aus?

    Was ich mich noch gefragt habe… die neue Sushi-Enteckung wurde (noch) nicht erwähnt?
    (vielleicht gibt es ja nochmal einen kulinarischen Post 😉

    Bacciioooooo
    Berte
    Berte

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